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Rezension: »»»
Mit einem Beitrag aus dem Nachlass: »Erkennen und Wollen«
Das Buch »Das Bewusstsein der Maschinen« des deutsch-amerikanischen Philosophen und Logikers Gotthard Günther (1900–1984) erschien bereits 1957 und in einer erweiterten 2. Auflage im Jahr 1963. Was damals sensationell wirkte, ist heute Bestandteil unseres philosophischen Bewusstseins geworden: die Hereinnahme der Kybernetik nicht nur in unsere praktisch-technische Welt, sondern auch in die philosophische Spekulation wie in unsere soziologische Reflexion.
Immer aber noch ist die Lektüre der Güntherschen Theoreme und Einsichten für Wissenschaftler wie auch für den Laien aufregend, die Revolutionierung unseres gesamten Denkens offenbar. Daß die maschinelle Intelligenz den Leistungen des menschlichen Bewusstseins überlegen sein kann – wer bestreitet das heute noch? Daß aber mit dem Maschinenbewusstsein die alten Denkgewohnheiten des Menschen aus den Angeln gehoben und alle klassischen Schemata wie auch die dialektische Spekulation auf einen mehr oder minder aufwendigen Schutthaufen geworfen sind – dagegen werden die philosophischen Lehrstühle sich noch lange wehren. – Auch diese erweiterte Auflage des Güntherschen Buches ist kein Abschluß und kein System, sondern Frage und Anregung zur Metaphysik unseres Jahrhunderts.
Die jetzt nach etwa 40 Jahren erneut aufgelegte und nochmals erweiterte Ausgabe ist – betrachtet man den heutigen Stand der Diskussionen um die Themen »Künstliche Intelligenz«, »Maschinelles Lernen« oder »Maschinenbewusstsein« – nicht nur aus philosophischer sondern vor allem aus wissenschaftslogischer Sicht seiner Zeit immer noch weit voraus. Dies begründet sich insbesondere darin, dass Gotthard Günther nicht nur einen Entwurf geliefert, sondern im Verlauf seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten am Biological Computer Laboratory (BCL) in Illinois (Urbana) auch die Grundlagen zu einer nichtaristotelischen Logik gelegt hat, die sich am besten unter dem Begriff »Theorie polykontexturaler Systeme« subsumieren lassen.
Das Buch stellt jedoch keine grundlegende (theoretische) Einführung in die Theorie der polykontexturalen Systeme dar und erfordert daher auch keine tieferen Kenntnisse über formale Logik, sondern ist – wie viele der Arbeiten Günthers – eine Sammlung mehrerer philosophischer Aufsätze zu den Themen »Robotik«, »Künstliche Intelligenz« und »Maschinenbewusstsein«. Allerdings diskutiert Günther diese Themen vor dem Hintergrund einer erweiterten Logik, die er zunächst als mehrwertige und später als mehrstellige und im Verlauf der weiteren Entwicklung seiner Theorie als polykontexturale Logik bezeichnet.
Für die Lektüre genügen also elementare Kenntnisse einfacher logischer Verknüpfungen und/oder arithmetischer Relationen. Dieses Buch eignet sich daher vortrefflich als »Einstiegslektüre« in die philosophischen Arbeiten Gotthard Günthers und ist auch für den fachlich interessierten Laien eine anregende und vor allen Dingen eine verständlich und logisch klar geschriebene Darstellung grundlegender philosophischer Fragen zu den Themen »Bewusstsein« oder »Selbstbewusstsein« und deren möglicher oder eben nicht möglicher technischer Realisierung.
In dem Buch werden Themen wie z. B. der Gegensatz der kulturellen Vorstellung des faustischen Homunkulus auf der einen Seite und der des Robots auf der anderen Seite in geradezu spannender Art und Weise behandelt. In dem Beitrag »Erkennen und Wollen« werden der scheinbare Gegensatz der Prozesse des Erkennens (»am Anfang war das Wort«) und des Wollens (»am Anfang war die Tat«) und die kulturellen Hintergründe dieser heute immer noch vorherrschenden dichotomen, d. h., zweigeteilten »Entweder-Oder«-Vorstellung in der abendländischen Kultur diskutiert. Gerade dieser Beitrag, der in der vorliegenden Auflage neu hinzugekommen ist, bietet natürlich auch Anregungen für die Entwicklung intelligenter technischer Systeme – es handelt sich also um einen Aufsatz, der durchaus auch in einer Fachzeitschrift für künstliche Intelligenz hätte stehen können und der nicht nur für den Fachmann sondern auch für den interessierten und gebildeten Laien verständlich ist.
Da Gotthard Günther neben Philosophie und Logik auch Indologie, klassisches Chinesisch, Sanskrit und vergleichende Religionswissenschaften studiert hat, kann sich der Leser über kleinere, kompetent geführte geistige Ausflüge in andere Kulturen erfreuen und sich zu weiteren Studien anregen lassen. Das ist im Zeitalter der Globalisierung sicherlich ein zusätzlicher Gewinn.
Eine kurze Biographie Gotthard Günthers sowie eine kleine Einführung in seine Arbeiten sollen dem Leser nicht nur den Zugang zu diesem Autor und seinem Werk erleichtern, sondern ihm auch die Möglichkeit einer Zuordnung seiner Arbeiten – und das betrifft vor allem auch die Theorie der Polykontexturalität – vor dem Hintergrund der heutigen Gehirn- und künstlichen Intelligenz-Forschung geben.
Joachim Paul
INHALT
Eberhard von Goldammer und Joachim Paul: EINFÜHRUNG |
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Die Neuauflage von Das Bewußtsein der Maschinen |
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11 |
Der Autor: Gotthard Günther |
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12 |
Zum Buch: Das Bewußtsein der Maschinen |
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15 |
Zum Begriff der Kybernetik bei Gotthard Günther |
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19 |
Zur Theorie polykontexturaler Systeme |
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29 |
Cognition and Volition – Erkennen und Wollen |
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41 |
Literatur
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44 |
Vorwort zur zweiten Auflage und einleitende Bemerkungen
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49
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I. Teil Die klassische Metaphysik und das Problem der Kybernetik |
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57
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II. Teil Mechanismus, Bewußtsein und Nicht-Aristotelische Logik |
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83
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III. Teil Idealismus, Materialismus und Kybernetik |
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123
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Anhang I Homunkulus und Robot |
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195
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Anhang II Bemerkungen zur Interpretation der Tafel VII |
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201
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Anhang III Bemerkungen zur Interpretation der Tafel VIII |
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203
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Anhang IV Die »zweite« Maschine |
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205
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Anhang V Cognition and Volition – Erkennen und Wollen |
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229
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Biografie
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287
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Namenregister |
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301 |
Sachregister |
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304 |
EINFÜHRUNG (Auszüge)
Die Neuauflage von
Das Bewußtsein der Maschinen
Wenn ein Buch mit dem provozierenden Titel Das Bewußtsein der Maschinen – Eine Metaphysik der Kybernetik nahezu ein halbes Jahrhundert nach seiner erstmaligen Drucklegung als erweiterte Neuauflage wieder erscheint, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Aktualität des Inhalts, insbesondere dann, wenn es sich, wie im vorliegenden Fall, um Computer, Künstliche Intelligenz (KI), Maschinenbewußtsein oder kurz, um die Darstellung mentaler Prozesse mit Hilfe von Maschinen handelt. Wir wollen gleich zu Beginn eine Antwort auf die Frage geben, ob denn der Inhalt dieses Buches von Gotthard Günther noch aktuell ist: Die Antwort ist ein klares Ja! – der Inhalt ist immer noch hoch aktuell, und man muß hinzufügen, daß nicht nur der Inhalt dieses Buches, sondern Günthers Arbeiten insgesamt auch heute noch der Zeit, d. h. dem sogenannten »Mainstream« der »Scientific Community«, weit voraus sind. Das wollen wir in der folgenden Einführung zu diesem Buch begründen, in dem wir den wissenschaftstheoretischen Aspekt und die Bedeutung der Arbeiten des deutsch-amerikanischen Philosophen und Logikers Gotthard Günther für die Philosophie der Technik im Kontext der heutigen KI-Forschung etwas herauszuarbeiten versuchen.
Der Autor:
Gotthard Günther
Gotthard Günther wurde am 15.6.1900 in Arnsdorf (Schlesien) als Sohn eines Pastors geboren.
Er studiert neben Philosophie auch Indologie, klassisches Chinesisch, Sanskrit und vergleichende Religionswissenschaften. Seine Dissertation bei Eduard Spranger ist ein Kapitel aus seinem 1933 veröffentlichten Buch Grundzüge einer neuen Theorie des Denkens in Hegels Logik[1].
Er macht eine Ausbildung zum Skilehrer und Segelflieger und legt die A-, B- und C-Prüfung sowie das Internationale Leistungsabzeichen für Segelflug ab, um schließlich 1952 in den USA sogar in den Besitz des Kunstflug- und Motorflugscheins zu gelangen.
1935–1937: Assistent bei Arnold Gehlen in Leipzig. Er ist verheiratet mit der Jüdin Marie Hendel, die 1933 ein Berufsverbot als Lehrerin erhält und nach Italien emigriert.
1937: Günther folgt seiner Frau zunächst nach Italien und emigriert mit ihr 1938 nach Südafrika, wo er als Dozent für Philosophie an der Universität Kapstadt-Stellenbosch tätig ist.
1940: Beide übersiedeln von Südafrika aus in die USA, wo Günther versucht, Anschluß an die neueren Forschungen auf dem Gebiet der mathematischen Logik zu gewinnen. Von 1942 bis 1944 hält Günther Vorlesungen und Seminare (12 Stunden wöchentlich!) am Colby-College in Maine.
1944: Günther erhält ein Forschungsstipendium der US-Army und arbeitet an der Widener Library der Harvard Universität. In dieser Zeit hält er Vorlesungen am Cambridge Adult Center for Education. Privat begegnet er Ernst Bloch, der in seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnt, mit dem ihn seit dieser Zeit eine persönliche Freundschaft verbindet.
1945: Beginn seiner Arbeiten an der Kalkültechnik sowie der reflexionstheoretischen Interpretationen mehrstelliger Logiken.
1948: Günther nimmt die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Er lernt J. W. Campbell kennen, der ihn auf die Bedeutung der amerikanischen Science Fiction Literatur aufmerksam macht.
1952: Günther gibt im Karl Rauch Verlag (Düsseldorf) eine vierbändige Reihe (Rauchs Weltraum-Bücher) amerikanischer SF-Literatur heraus (Autoren u. a.: J. Asimov, J.W. Campbell, L. Padgett, J. Williamson). In diesem Jahr erhält er auf Vorschlag von Kurt Gödel einen Forschungsauftrag der Bollingen Foundation.
1953: Erste Veröffentlichungen in den USA über logisch-metaphysische Themen.
1955: Gastvorlesung an der Universität Hamburg, auf Initiative von H. Schelsky und C.F. von Weizsäcker, um Günthers Wiederanschluß an das deutsche akademische Leben zu erreichen.
1957: Publikation einiger maßgeblicher Arbeiten Gotthard Günthers: Das Bewußtsein der Maschinen – Eine Metaphysik der Kybernetik; Metaphysik, Logik und die Theorie der Reflexion[5]; Idee und Grundriß einer Nicht-Aristotelischen Logik[4].
1960: Günther lernt Warren St. McCulloch kennen, eine Bekanntschaft, die für seine weiteren Forschungsarbeiten von entscheidender Bedeutung wird, da sie nicht nur der Beginn einer Freundschaft zu dem Begründer der Neuroinformatik ist, sondern auch den Beginn von Günthers Arbeit am Biological Computer Laboratory (BCL) zur Folge hat.
1961–1972: Forschungsprofessur am Biological Computer Laboratory der University of Illinois, Zusammenarbeit mit Warren McCulloch und Heinz von Foerster. In dieser Zeit stößt Günther im Zuge der Erforschung reflexiver mehrstelliger, d. h. polykontexturaler Logik-Systeme auf das Problem der morpho- und der kenogrammatischen Strukturen, die der Öffentlichkeit in Arbeiten wie Cybernetic Ontology and Transjunctional Operations[5]; Das metaphysische Problem einer Formalisierung der transzendental-dialektischen Logik[5]; Logik, Zeit, Emanation und Evolution[5] oder Natural Numbers in Trans-Classic Systems[5] vorgestellt werden.
Durch seine Emeritierung im Jahr 1972 beendet Günther seine Tätigkeit am BCL, eine Tätigkeit, die er für die fruchtbarste seines Lebens hält. Er übersiedelt nach Hamburg und hält an der dortigen Universität Vorlesungen über Philosophie.
1975: Günthers Selbstbiographie Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas[6] erscheint, in der er ein Resümee seiner Arbeit vorstellt. Seine Bemühungen kulminieren in einer mehrstelligen reflexiven Logik und Arithmetik in seiner »Theorie der Polykontexturalität«, einer Theorie, die er den monokontexturalen Logik-Systemen und der klassischen Arithmetik komplementär zur Seite stellt.
1979: Günther begründet auf dem Hegel-Kongress in Belgrad eine allgemeine Theorie der Negativsprachen unter dem Titel Identität, Gegenidentität und Negativsprache, die die herkömmlichen gegenstandsbezogenen, positiven Wissenschaftssprachen komplementät ergänzt.
Am 29. November 1984 stirbt Gotthard Günther in Hamburg. Sein wissenschaftlicher Nachlaß befindet sich in der Staatsbibliothek Berlin-Preußischer Kulturbesitz sowie im Gotthard-Günther-Archiv an der Universität Salzburg.
Zum Buch:
Das Bewußtsein der Maschinen
Für die Lektüre des Buches Das Bewußtsein der Maschinen sind keine tieferen Kenntnisse der formalen Logik oder der Mathematik erforderlich. Das sei hier gleich vorweg genommen und wird ja auch vom Autor bereits im Vorwort betont. Das hat wie immer zwei Seiten. Zum einen führt es bei manchem Leser zu Mißverständnissen, wie einige der Rezensionen der Güntherschen Arbeiten aus den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts zeigen. Auf der anderen Seite muß man sehen, daß Günther seine 'Theorie der Polykontexturalität', die wir weiter unten etwas näher beschreiben wollen, nicht in einem Guß, sozusagen in einer großen Arbeit, wie etwa Kants Kritik der reinen Vernunft, entwickelt und niedergeschrieben hat. Das kann man auch nicht erwarten, denn seine Theorie ist derart umfassend und greift so radikal in die Fundamente unseres Denkens und damit in das gesamte abendländische Wissenschaftsparadigma ein, daß es unmöglich ist, so etwas gleichsam »über Nacht« zu entwerfen. Dazu war eine lange Entwicklungszeit 3 notwendig, über die Günther in seiner Selbstbiographie ausführlich berichtet.[2]
So wird der Leser die weiter unten kurz vorgestellten Begriffe wie 'Kontextur', 'Polykontexturalität', 'Kenogrammatik' oder 'Morphogrammatik' in den Teilen des Buchs, welche bereits in der Auflage von 1963 abgedruckt waren, nicht finden. Der Grund dafür ist einfach: diese Begriffe sind erst später, d. h. in den 70er Jahren von Günther erarbeitet und in die Wissenschaft eingeführt worden. Einen detaillierten Überblick über die zeitliche Entwicklung sowie über die Bedeutung der Güntherschen Arbeiten findet der Leser in dem Artikel Einübung in eine andere Lektüre von Kaehr und Ditterich aus dem Jahr 1979.[3]
Günther verwendet bis Mitte der 60er Jahre in seinen Arbeiten den Begriff der 'mehrwertigen' Logik. Dies hat mitunter zu erheblichen Mißverständnissen geführt, obwohl Günther immer wieder betont, daß Mehrwertigkeit bei ihm nicht zu verwechseln sei mit der Mehrwertigkeit der von Łukasiewicz eingeführten mehrwertigen Logiksysteme, bei denen zusätzliche logische Werte zwischen 0 und 1 eingeführt werden. Dabei steht 0 für logisch falsch und 1 für logisch wahr. Diese von Łukasiewicz in den 30er Jahren entwickelte Mehrwertigkeit führt unmittelbar zu den probabilistischen Logiken, und diese sind und bleiben klassisch, oder um es hier gleich in der Begrifflichkeit Günthers auszudrücken, sie sind 'monokontextural'. Polykontexturalität war zu keiner Zeit das Thema des bekannten polnischen Logikers Łukasiewicz. Mehrwertigkeit im Sinne Günthers sollte man daher besser als Mehrstelligkeit bezeichnen, d. h. man spricht besser von einer mehrstelligen Logik, denn die von Günther eingeführten zusätzlichen Werte sind als Stellenwerte jenseits von 0 und 1 zu denken. Diese Stellenwerte oder 'place values' in den englischsprachigen Arbeiten, beziehen sich auf unterschiedliche Orte des logischen Diskurses, d. h. auf unterschiedliche logische Domänen, die Günther als logische Kontexturen bezeichnet und in denen alle Regeln der klassischen Logik ihre volle Gültigkeit besitzen. Um dies zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle ein Zitat Günthers angeführt:[4]
»Jedes Einzelsubjekt begreift die Welt mit derselben Logik, aber es begreift sie von einer anderen Stelle im Sein. Die Folge davon ist: insofern, als alle Subjekte die gleiche Logik benutzen, sind ihre Resultate gleich, insofern aber, als die Anwendung von unterschiedlichen ontologischen Stellen her geschieht, sind ihre Resultate verschieden. Dieses Zusammenspiel von Gleichheit und Verschiedenheit in logischen Operationen wird durch die Stellenwerttheorie der mehrwertigen Logik beschrieben. Die zusätzlichen Werte sind hier überhaupt nicht mehr Werte im klassischen Sinn, ... sie repräsentieren vielmehr die unterschiedlichen ontologischen Stellen, an denen zweiwertige Bewußtseinsoperationen auftreten können.« (1a)
Und auf der gleichen Seite lesen wir:
»... der logische Formalismus hat nicht einfach zwischen Subjekt und Objekt zu unterscheiden, er muß vielmehr die Distribution der Subjektivität in eine Vielzahl von Ichzentren in Betracht ziehen. Das aber bedeutet, daß das zweiwertige Verhältnis von Subjekt und Objekt sich in einer Vielzahl von ontologischen Stellen abspielt, die nicht miteinander zur Deckung gebracht werden können.« (1b)
Zitate diesen Inhalts machen sehr deutlich, daß es sich hier nicht um den Entwurf einer probabilistischen Logik handeln kann. Allen Rezensenten, die in der Vergangenheit diese Vermutung immer wieder geäußert haben – und davon gibt es einige –, muß man vorwerfen, daß sie nicht sorgfältig genug gelesen haben oder gewisse Vorurteile einfach weiter pflegen wollten. Vielleicht liegen die Mißverständnisse, wenn es sich denn um solche handelt, aber auch nur darin, daß man nicht gewillt war, einen Unterschied zu sehen bei der Beschreibung der gegenständlichen Welt, d. h. den bona fide Objekten der Physik, und den mentalen Prozessen wie Denken, Lernen, Wahrnehmen, usw. als Objekte der wissenschaftlichen Beschreibung. Günther weist zwar immer wieder auf diesen Unterschied hin, aber offensichtlich ist das 'Denken in Gegenständen' bei vielen heute noch so tief verwurzelt, daß kaum bemerkt worden ist, daß auch in den Naturwissenschaften nicht gegenständlich, sondern in 'Relationen von Begriffen' gedacht wird. Wenn aber über das Denken selbst nachgedacht werden soll, dann denkt man über 'Relationen von Relationen von Relationen ... von Begriffen' nach, und das muß zwangsläufig zu einer höheren Komplexität in der Beschreibung und somit zu einem erweiterten Formalismus der Logik und Mathematik führen. Mit anderen Worten, in der Physik macht es wenig Sinn, von distribuierter Subjektivität oder von Identitätswechseln zu sprechen, denn es muß wohl kaum betont werden, daß hier nicht von stofflicher Distribuiertheit oder von stofflichen Identitätswechseln die Rede ist, schließlich ist ein Elektron ein Elektron ein Elektron ... Obwohl also distribuierte Subjektivität, Identitätswechsel usw. für eine Theorie der Subjektivität, der Kommunikation usw. von zentraler Bedeutung sind, lassen sie sich im Sprachrahmen monokontexturaler Logik-Konzeptionen nicht widerspruchsfrei darstellen. Schlimmer noch, sie erscheinen in einem von der klassischen Aristotelischen Logik geprägten Weltbild geradezu als absurd.
Zum Begriff der
Kybernetik bei Gotthard Günther
Es kann und muß davon ausgegangen werden, daß die zweite Wiederauflage des vorliegenden Werkes Gotthard Günthers aus dem Jahr 1957 in die Hände von Leserinnen und Lesern gelangt, die über die Geschichte des Begriffs der Kybernetik keine oder nur wenig Kenntnis besitzen. Daher kann Günthers ursprünglichere, wesentlich umfassendere und im eigentlichen Sinne radikale Sichtweise dieses Begriffs sowie die konsequente Anwendung desselben in seinem Werk möglicherweise zu Mißverständnissen führen. Diese Umstände berücksichtigend ist hier der einleitende Versuch unternommen, zu einem vertieften Verständnis der Historie dieser für die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus so zentralen begrifflichen Neuschöpfung beizutragen.
Ein Konversationslexikon definiert Kybernetik, hergeleitet vom griechischen kybernētiké (techné) 'Steuermann(skunst)', als »von Norbert Wiener 1948 begründete und benannte Wissenschaft von dynamischen Systemen, d. h. theoretischen oder wirklichen Ganzheiten, deren einzelne Bestandteile (Elemente) in einer funktionalen Beziehung zueinander und zum ganzen stehen und auf Einwirkungen von außerhalb des Systems reagieren können und die über mindestens einen (rückgekoppelten) Regelkreis verfügen«.[5]
In dieser wird ebenso wie in den meisten anderen gebräuchlichen Definitionen von Wieners mathematisch und philosophisch ausgerichteter Publikation über Regelkreise und Rückkoppelungsmechanismen Cybernetics: or Control and Communication in the Animal and the Machine[6] als Initialwerk des neuen Gebietes ausgegangen. Die neuzeitliche Anwendung des Terminus 'Kybernetik' läßt sich allerdings erstmals schon im Spätwerk des französischen Physikers André-Marie Ampère ausmachen.[7] Hier bezeichnet 'la cybernetique' in Ampère’s Gesamtsystem von insgesamt 128 gegenwärtigen und zukünftig möglichen Wissenschaften die Kunst der Staatslenkung als eine der vier Abteilungen der politischen Wissenschaft »quatre divisions pour la science politique«. Und der altgriechische Schiffslenker, der 'kybernetes', fand zumindest etymologisch über den römischen 'gubernator' als Gouverneur Eingang in das praktische Staatswesen.
In der Tat kann Wieners Werk jedoch als ein Abschluß, als ein Markstein einer ersten Phase der Entwicklung der Kybernetik als eigenständiger wissenschaftlicher Disziplin verstanden werden, an der eine relativ kleine Gruppe von Wissenschaftlern beteiligt war, zu der u.a. auch John von Neumann, Gregory Bateson, Margaret Mead, Warren St. McCulloch und Larry Frank gehörten. Konstituierend für Begriffsbildungen waren die sogenannten Macy- Konferenzen, die von der Josiah Macy Jr. Foundation, einer Stiftung mit medizinischem Schwerpunkt, veranstaltet wurden. Heinz von Foerster erzählt seinen Anteil an der Prägung des Begriffs 'Kybernetik' folgendermaßen: »Als Gast der 6. Macy-Konferenz am 24. und 25. März 1949 war ich von der Geschäftssitzung dieses Abends ausgeschlossen. Als man mich jedoch wieder hineinbat, verkündete mir der Vorsitzende Warren S. McCulloch, daß man aufgrund meiner schlechten englischen Sprachkenntnisse bemüht sei, für mich eine Möglichkeit zu finden, wie ich mir diese Sprache möglichst schnell und gründlich aneignen könnte. Und, wie man mir sagte, hätte man eine Möglichkeit gefunden. Mir wurde aufgetragen, den Sitzungsbericht der Konferenz zu verfassen, der so schnell wie möglich herausgegeben werden sollte. Ich war völlig platt! Nachdem ich mich wieder gefaßt hatte, sagte ich, daß mir der Titel der Konferenz 'Zirkulär-kausale Rückkoppelungsmechanismen in biologischen und sozialen Systemen' zu schwerfällig erscheine, und ich mir überlegt hätte, ob diese Konferenz nicht einfach 'Kybernetik' heißen und die gegenwärtige Bezeichnung als Untertitel benutzt werden könnte. Als dieser Vorschlag unmittelbar und einstimmig unter Gelächter und Applaus begrüßt wurde, verließ Norbert Wiener mit feuchten Augen den Raum, um seine Ergriffenheit zu verbergen.«[8]
Vordergründig betrachtet wurde hier die Keimzelle für die Verbreitung eines neuen Begriffes geschaffen, dessen wissenschaftlicher Gegenstand das 'Wirkgefüge' in biologischen und sozialen Systemen ist. Darüber hinaus ist in den Zeilen von Foersters aber auch ein Ansatz zu einer neuen Kultur des wissenschaftlichen Denkens und Handelns implizit enthalten, der sich schon darin widerspiegelt, daß demjenigen mit den geringsten Englischkenntnissen die Abfassung des Konferenzberichtes übertragen wird, und zwar damit er Englisch lernt! Hier vollzieht die Gruppe eine Handlung im besten Sinne eben dadurch, daß nicht – bezogen auf die unzureichenden Englischkenntnisse von Foersters – nach dem gefragt und von dem ausgegangen wird, was bereits »ist«, sondern nach dem, was sein kann bzw. sein wird! Handlungsprozesse allerdings erfordern ebenso wie Erkenntnisprozesse immer Subjekte, die handeln bzw. erkennen. Schon W. Ross Ashby stellt diesen Umstand in seinem Werk Design for a Brain unmißverständlich klar in dem Satz »This knowledge of personal awareness, therefore, is prior to all other forms of knowledge.«[9] Es wird deutlich, daß die Kybernetik hier, so wie es sich in der 'cybernetique' als Lehre der Staatslenkung bei Ampère schon leise andeutet – entgegen den etablierten Naturwissenschaften –, das erkennende und handelnde Subjekt ausdrücklich in den Bereich der Wissenschaft mit einbezieht. Die Kybernetik stellt den einzigen nennenswerten Versuch des 20. Jahrhunderts dar, eine methodische Metawissenschaft zu etablieren, in der die Trennung zwischen den Geisteswissenschaften und den sui generis subjektlosen Naturwissenschaften im Hegelschen Sinne aufgehoben ist. Oder in anderen Worten ausgedrückt: Die Kybernetik lehnt den dem klassischen Wissenschaftsgefüge impliziten Methodendualismus strikt ab. Ihr Forschungsfeld definiert Ashby folgendermaßen: »Kybernetik untersucht alle Phänomene in Unabhängigkeit ihres Materials, so sie regelgeleitet und reproduzierbar sind.«[10]
In Konsequenz dessen greift ihr Anspruch, der auch ein Anspruch des technischen Handelns via Konstruktion ist, schon sehr früh hinter die biologische Fragestellung – 'Was sind die biologischen Voraussetzungen des Erkennens?' – hinein in das Formale: 'Was sind die formalen Voraussetzungen für die Beschreibung des Erkennensprozesses?' Hierfür stehen insbesondere zwei Veröffentlichungen von Warren St. McCulloch aus den Jahren 1943 und 1945.[11, 12] Diese Arbeiten haben beide die 'Errechnung' von Reaktionen auf die Umwelt in den Nervensystemen von Lebewesen zum Thema. In A Logical Calculus of the Ideas Immanent in Nervous Activity erarbeitet McCulloch zusammen mit dem Mathematiker Walter Pitts bereits 1943 ein mathematisches Modell, das später zur ersten allgemeinen Grundlage für die Neuroinformatik werden sollte. Und in der zweiten Publikation A Heterarchy of Values Determined by the Topology of Nervous Nets dokumentiert McCulloch seine Entdeckung der operationellen Geschlossenheit, der Zirkularität neuronaler Topologien, und stellt fest, daß diese im Sprachrahmen der klassischen Logik nicht mehr widerspruchsfrei zu thematisieren sind. Günther schreibt hierzu 1979: »Obwohl die zweiwertige Grundoperation des tradierten begrifflichen Denkens, nämlich die Negation, ein streng symmetrisches Umtauschverhältnis darstellt, tendieren wir dazu, in dem Verhältnis von designierender Positivität und designationsfreier Negativität ein Rangverhältnis zu sehen. Das führt zu einer hierarchischen Struktur aller theoretischen Reflexion. Die berühmteste, fraglos akzeptierte Demonstration dieses Vorurteils ist die Jahrtausende alte Platonische Begriffspyramide, die das Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen (genus proximum und differentia specifica) regelt. Mit diesem Denkschema hat man sich in der abendländischen Geistesgeschichte – und auch anderswo – bislang zufrieden gegeben. Demgegenüber aber fand der Neurologe McCulloch, daß die Neuronen des Gehirns dieses Vorurteil nicht teilen und zulassen, daß ihre Aktivität unter bestimmten Bedingungen auch zyklischen Gesetzen unterliegt. Daraus resultiert eine logische Struktur, für die McCulloch den Terminus 'Heterarchie' (Nebenordnung) prägte.«[13]
McCullochs Rolle bei der Grundlegung der Kybernetik kann gar nicht deutlich genug hervorgehoben werden. Fällt seine schriftliche Hinterlassenschaft am Umfang gemessen eher spärlich aus – das Wesentliche ist in dem Band Embodiments of Mind enthalten –, so besaß er jedoch genau jenes genuin kybernetische Handlungsvermögen, jene Management-Kompetenz des Netze- Knüpfens, die ihn die richtigen Leute zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammenführen ließ. Durch seine Vermittlung konnte u.a. Heinz von Foerster in den USA wissenschaftlich Fuß fassen. Er war es auch, der der Arbeit des deutschen Emigranten Günther nicht nur einen angemessenen akademischen Rahmen vermittelte,[14] sondern darüber hinaus entscheidende inhaltliche Impulse gab. Günther selbst bemerkt emphatisch, daß er der Begegnung mit Warren St. McCulloch »nichts an die Seite zu stellen vermag«.[15, 16]
McCulloch allerdings mußte die Frage nach der Formalisierung der von ihm in neuronalen Topologien entdeckten operationellen Geschlossenheiten zwangsläufig offenlassen, da ihm als formales Rüstzeug nur die klassische Logik zur Verfügung stand, in der Selbstrückbezüglichkeit prinzipiell ausgeschlossen ist. Versuche, ein triadisches System als Beschreibungsansatz heranzuziehen, verwarf er bald wieder.[17, 18]
In dieser Situation trifft er auf Günther, der, nicht von biologischen Topologien, sondern von der philosophischen Seite des deutschen Idealismus her kommend, sich mit einer nahezu isomorphen Problematik befaßt. Wie Günther nachdrücklich bemerkt, weist bereits Kant im Kapitel Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe durch die Verwechselung des empirischen Verstandesgebrauchs mit dem Transzendentalen in der Kritik der reinen Vernunft darauf hin, daß sich das Subjekt als Objekt maskieren muß, will es sich selbst zum Thema des Denkens machen.[19, 20] Hier taucht eben jene Selbstrückbezüglichkeit nunmehr im philosophischen Gewand auf. Sie führt im Sprachrahmen der klassischen Logik zu einem Widerspruch, denn schon bei Aristoteles kann ein Etwas nicht eine bestimmte Eigenschaft besitzen und diese zugleich nicht besitzen. Ein Drittes ist hier ausgeschlossen, ausgedrückt im Axiom des 'Tertium non datur' der klassischen Logik. Kant allerdings hält trotz dieser von ihm selbst festgestellten unauflöslichen Mehrdeutigkeit am Schema der Aristotelischen Logik fest, als Konsequenz bleibt bei ihm das Subjekt ein transzendentales Apriori. Im Subjekt liefert das »... sich selbst begegnende Denken ... die Basis der Erkenntnis, und alles sichere Wissen wird in der Selbstbewegung der Vernunft produziert.«[21] Kant wird damit nicht nur zum 'Kronzeugen' der konstruktivistischen Ansätze, er genügt darüber hinaus auch als erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt der Psychoanalyse.[22] Hegel aber schlägt mit der »reinen Sichselbstgleichheit im Anderssein«[23] ein Thema an, das – als identitätstheoretisches Problem – auf dem Boden der Kantschen Rationalität mit dem 'Tertium non datur' und mit den zur Verfügung stehenden formalen Werkzeugen nicht mehr zu bewältigen ist. Daher begründet sich, so Günther, »der im deutschen Idealismus so tief eingewurzelte Haß gegen den logischen Formalismus, der bei Hegel geradezu groteske Formen erreicht.«[24] Günther nimmt, angeregt durch die Impulse seines Lehrers Eduard Spranger, den philosophischen Ausgangspunkt seines Forschungsprogramms bei Hegel. Beginnend mit seiner Dissertation,[25] unterzieht Günther die der Logik zugrundeliegende abendländische Ontologiekonzeption einer eingehenden strukturellen Analyse. In der eben nicht in die Affirmation zurückführenden zweiten Negation Hegels stellt sich heraus, daß die bisherige Ontologie strukturell zu arm ist, um den Relationenreichtum der Wirklichkeit auch nur annähernd abzubilden. Die von Hegel induzierte Verschiebung des Fokus der Betrachtung von den ontischen Relationsgliedern Subjekt und Objekt hin zu den Relationen selbst wird von Günther konsequent fortgeführt. Ihm gelingt es, bei Hegel die Ansätze zu einer neuen formalen Struktur aufzuzeigen und diese zunächst zu einem Stellenwertsystem auszubauen, in dem mehrere sogenannte logische Domänen einander vermittelt sind. (Der Terminus 'Polykontexturallogik' taucht erst später auf, er ist etwa auf den Anfang der siebziger Jahre zu datieren.[26])
Es ist letztlich die Begegnung – und Denken ist Begegnung – mit McCulloch, die, über die Logik hinaus, das Wesen der Zahl ins Spiel bringt und Günther hinführt zur Entwicklung der Kenogrammatik und der dialektischen Zahlentheorie.[27] Ihrer ontologischen Grunddaten entleert (kenos = leer), liefern diese Strukturen eine Option zur Selbstabbildung von Selbstreferenz, die qualitativ etwas völlig anderes darstellt als der ebenfalls auf Kybernetiker zurückgehende Versuch, Selbstreferentialität über rekursive Funktionen zu modellieren. Letztere verbleiben lediglich auf der Stufe eines (von einem Subjekt) bereits getroffenen Designats und sind dadurch der Möglichkeit der Selbstsetzung prinzipiell enthoben. Sinngemäßes gilt für andere, sich individuell unterscheidende technische Ansätze der KI-Forschung wie der sog. Fuzzy-Logik, der Kontext-Logik und weitere Konzeptionen sowie auch für den Calculus of Indication (Spencer-Brown) und verwandte Formen, wie Rudolf Kaehr 1980 nachgewiesen hat.[28]
Diejenigen Interpretationen des Güntherschen Werks, die seine Arbeiten mit geschichtsphilosophischem Schwerpunkt als Beiwerk oder als den Versuch einer zusätzlichen historischen Verortung seiner philosophischen und formal ausgerichteten Arbeiten ansehen[29] und daher intendieren, aus dem Gesamtwerk einen bislang unbekannten »Geschichtsphilosophen Gotthard Günther« abzulösen, greifen fehl. Seine historischen Arbeiten müssen vielmehr als direkte Konsequenz der strukturellen Analyse der abendländischen Ontologiekonzeption und deren Entwicklung aufgefaßt werden, sie sind damit integraler Bestandteil seines Werkes und bestätigen ihn als einen profunden Chronisten unserer Bewußtseinsgeschichte, der diese darüber hinaus antizipierend in das Planetarische hinein fortschreibt.[30] Die Günthersche Analyse führt nämlich unmittelbar zu einer Dekonstruktion der ontischen Relationsglieder, insbesondere des Subjektbegriffs, und damit zwangsläufig zur Notwendigkeit einer radikalen Reinterpretation von Geschichte. Durch die Formalisierung der dialektischen Differenz zwischen Subjekt und Objekt, und das ist gleichbedeutend mit der Formalisierung des Verhältnisses von Begriff und Zahl, kann der Mensch von nun an nicht mehr als das alleinige Subjekt der Geschichte betrachtet werden.
Das Universum sowie das Leben darin müssen dann ebenso mit einbezogen werden wie die technischen Produktionen des Menschen. Bei Rudolf Kaehr wird die historische Bedeutung der Kybernetik folgendermaßen reflektiert: »Der Paradigma-Wechsel, wie er sich in der Grundlagenforschung der amerikanischen Kybernetik, der 'Second Order Cybernetics', vollzieht, ... geht einher mit einer radikalen Entthronung des Menschen, mit einer neuen Bestimmung der Stellung des Menschen im Kosmos ...«.[31]
Und bereits 1951 schrieb Max Bense zur anthropologischen und ontologischen Bedeutung der Technik in Kybernetik oder Die Metatechnik einer Maschine: »Beide, Intelligenz und Welt, bedingen einander; und das ist ebenso ein kybernetischer wie auch ein anthropologischer Satz.« Bense weist hier deutlich auf die Selbstrückbezüglichkeit als Grundbedingung des Menschlichen hin. Sein Aufsatz endet mit den Worten: »Der Mensch als technische Existenz: das scheint mir eine der großen Aufgaben einer philosophischen Anthropologie von morgen zu sein.«[32]
Es stellt sich heute somit auch die Frage nach einer »Philosophie der Technik«, die jenseits der zwischen Kulturpessimismus und technischen Allmachtsphantasien verlaufenden Frontlinien – man denke hierbei z. B. an die aktuelle Diskussion um die Gentechnologie sowie an die sog. Kurzweil-Debatte – das Günthersche Grundmotiv jener umfassenderen Kybernetik zweiter Ordnung in den Blick nimmt, die das Grundverhältnis zwischen Konstrukteur und Konstruiertem, die wechselseitige Bedingtheit von Mensch und Technik und damit die Stellung des Menschen im Kosmos thematisiert.
Darüber hinaus ist es die aus der Güntherschen Philosophie folgende »Distribution der Subjektivität« über viele Ichzentren im Verbund mit dem Problem der Vermittlung über die Technik, von der in Zukunft nicht nur die Soziologie, sondern eine jede Kommunikations- und Medientheorie auszugehen hat, die mehr als bloße Interpretation sein will.
Vom Schwerpunkt der Medientheorie her kommend ist es lediglich Vilém Flusser, der die Kulturgeschichte der Beziehung zwischen Technik und dem »Projekt Menschwerdung« dialektisch, aber ausschließlich mit den Mitteln der Sprache analysiert,[33] und ohne direkten Bezug zu den Arbeiten im Bereich der Kybernetik zweiter Ordnung oder gar zu Günther. Umso frappierender ist es, daß Flusser intuitiv zu geschichtsphilosophisch ganz ähnlichen Schlußfolgerungen gelangt.
Und Peter Sloterdijk warnt vor »Vereinfachungen«, für ihn ist es Günther, der mit seiner 'Mehrwertigkeit' »wirklich die Schallmauer durchbrochen zu haben scheint«, der »die Logik des nach-metaphysischen Zeitalters umrissen« und gezeigt hat, wie man den »ideologischen Bastarden«, den »grauenvollen halbwissenschaftlichen Meinungssystemen« entkommt, die sich seit dem 19. Jahrhundert »an die Stelle der Metaphysik« gesetzt hatten.[34]
Aber dort, wo die Fragen vielleicht am drängendsten sind, nämlich bei der Frage nach dem Bewußtsein, werden die Ergebnisse der Kybernetik zweiter Ordnung sowie die dort neu aufgeworfenen Fragen noch nicht einmal zur Kenntnis genommen, wie das unlängst erschienene Buch Grundprobleme der Philosophie des Geistes von Michael Pauen, das ein Grundlagenwerk sein will, zeigt.[35]
Im Verfolg der Geschichte der Kybernetik gerät mit dem Fortschreiten der Entwicklung technischer – also objektivierter – Exzerpte allmählich ins Hintertreffen, daß die Kybernetik ursprünglich das erkennende Subjekt ausdrücklich in den Bereich der Wissenschaft mit einbezieht und die als unüberbrückbar behauptete Dichotomie Geist – Materie strikt zurückweist. Werfen wir einen Blick auf die zeitgenössische Realität der Kybernetik selbst, dann muß festgestellt werden, daß in dem Maße, in dem die Kybernetik die vielen anderen Wissenschaften penetrierte, das Subjekt wieder aus ihr hinaus diffundiert worden ist, zurück bleibt nur ein technischer Methoden- Werkzeugkasten, dessen Inhalt zudem noch reduziert wurde, und zwar an genau den Stellen, an denen die »Gefahr« besteht, daß die Frage nach der Subjektivität auftauchen könnte.
Lediglich der radikale Konstruktivismus führt hier ein »Randdasein« in therapeutischen, psychologischen und pädagogischen Arbeitsfeldern, jedoch ohne ernsthaft in den zum technokratischen Funktionalismus verkommenen Wissenschafts- und Wirtschaftsbetrieb eingreifen zu können; er ist den Solipsismusverdacht nie ganz losgeworden, strukturell angelehnt an den Subjektbegriff Kants ist bei ihm die Welt durch den Rost gefallen. Geht es jedoch statt um das Individuum um Gesellschaften, wie im Soziologieentwurf Luhmanns, dann fällt das Ich durch den Rost, es wird – entsprechend den Ansprüchen des technischen Funktionalismus – kurzerhand zum System umdefiniert.
Es läßt sich der Eindruck gewinnen, als pflege man gegenüber dem Thema der Subjektivität eine Vermeidungsstrategie. So scheint es wenigstens. Denn der Osten und der Westen haben sich mittlerweile stillschweigend und ohne jegliche Diskussion, zu der zumindest nach dem Zusammenbruch des »real existierenden Sozialismus« eine wirkliche Chance bestanden hätte, auf die rein materialistische Weltperspektive und daher auf einen der Dialektik entkleideten Materialismus geeinigt; das Subjekt steht gleichsam draußen vor der Tür und harrt weiterhin seiner Dekonstruktion. Charakteristisch hierfür ist eine besondere Symptomatik des Wissenschaftsbetriebes. Die Kybernetik, so wurde gesagt, weist die klassische Dichotomie Geist – Materie, Materialismus – Idealismus, strikt zurück, da die damit verbundenen Fragestellungen obsolet seien. Nun wird ein Wissenschaftler, sagen wir, aus den Gesellschaftswissenschaften, ebenfalls zu Protokoll geben, daß heute Fragestellungen dieser Dichotomie kaum mehr eine Rolle spielen. Aber, wie Günther sagt, »... es ist kindisch, zu behaupten man habe die klassische Metaphysik abgeschafft, solange man die Logik, die aus dieser Metaphysik entsprungen ist, immer noch als das Organon der eigenen Rationalität benutzt.«[36] Und so tritt diese Dichotomie in unterschiedlichsten Maskierungen auf, etwa im Gegensatz Symbolismus-Konnektionismus der KI-Forschung oder in der medienpädagogischen Fragestellung des Für und Wider des Einsatzes von Computern in der Schule sowie in der gesellschaftspolitischen Ethik-Debatte um die Genforschung, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.
Vielleicht ist es auch die Angst vor der weiteren Entthronung und ein unbewußtes Schützenwollen des Subjekts, das zu solcherart Vermeidung führt. Dabei ist noch nicht einmal gefragt worden, was wir für diese Entthronung bekommen mögen. Günther schreibt zum Thema des Neuen: »Es kann somit keine historische Epoche geben, an deren Zukunftshorizont nicht schon ein Neues wartet. Nur die undialektische Betrachtung der Geschichte will ihr ein unüberholbares Ziel oder ein Jüngstes Gericht setzen. Die Dialektik des Neuen aber garantiert uns – kraft ihrer rekursiven Natur – die ewige schöpferische Offenheit des geschichtlichen Prozesses.«[37] Rudolf Kaehr konterkarierte diese Metapher der Entthronung des Subjekts in einem Interview folgendermaßen: »In dem Sinn läßt sich vielleicht als Abrundung sagen, daß die Vollendung des Systems Mensch – wenn ich’s mal technisch sagen darf – gegeben ist, erstens dadurch, daß er sich mit seiner Technik, die ihn generiert, verwebt, verquickt .... Und dann würde überhaupt erst quasi das Leben der Menschen anfangen.«[38]
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Eberhard von Goldammer | Joachim Paul
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