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Was geschieht der Kreativität am Computer? Wird sie beflügelt, behindert oder einfach nur anders? Ist das Kunstwerk nur Zeichen oder mehr als ein Zeichen oder ist es als Zeichen mehr als nur es selbst? Ist Kreativität wesentlich geistiger Prozeß? Welche Rolle spielt die handfeste Stofflichkeit des im Kunstprozeß zu bezwingenden Materials im kreativen Schaffen?
Im Zusammenhang des Symposiums in Erinnerung an Max Bense, das am 7.2.1993 im Rahmen von Interface II (»Weltbilder/Bildwelten«) stattfand, wurden diese Fragen in Vorträgen erörtert, die hier als Originalbeiträge von Elisabeth Walther, Norbert Bolz, Mihai Nadin, Herbert W. Franke, Kurd Alsleben, Georg Nees und Frieder Nake in einem Sammelband zusammengefaßt vorgelegt werden.
INHALT
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Vorwort
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5
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Frieder Nake
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Einleitung
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Elisabeth Walther
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Objekt und Eigenrealität der Zeichen
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17
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Norbert Bolz
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Die rechnergestützte Einbildungskraft. Über Chaos, Computer und Kreativität im Blick auf Max Bense
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43
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Mihai Nadin
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Die erträgliche Unerträglichkeit des rationalen »Mind«
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63
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Herbert W. Franke
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Informationstheorie und Ästhetik
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103
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Kurd Alsleben
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Das Zeichen und die Anderen
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121
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Georg Nees
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Das Aleatorische, das Berechenbare und das Programm
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139
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Frieder Nake
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Von der Interaktion. Über den instrumentalen und den medialen Charakter des Computers
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165
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Zu den Autoren
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191
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Personenverzeichnis
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193
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Sachverzeichnis
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197
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VORWORT
Max Benses Geburtstag war der 7. Februar. Vom 5. bis 7. Februar 1993 fand in Hamburg das Zweite Internationale Symbosium INTERFACE statt, ein Projekt der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Das »Labor Kunst und Wissenschaft« der Universität Lüneburg war für Inhalt und Ablauf des Symposiums verantwortlich. Ich hatte das Glück, mit Diethelm Stoller einen guten alten Freund im Vorbereitungs-Team des Symposiums zu besitzen. Er rief mich eines Tages an und hatte die Idee, den 7. Februar von INTERFACE 2 Max Bense zu widmen. Könnte ein Rückblick auf die alten Ansätze einer streng rationalen Ästhetik, einer Ästhetik, die das Kunstobjekt in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellte, könnte ein erneuter Blick auf die Versuche, in der Computerkunst Kritik und Generierung ästhetischer Realität zusammenzuführen, könnte ein solches, deutlich die Anstrengung des Begriffes suchendes Unterfangen angesichts der medialen Bilderexplosion nicht eine intellektuelle Herausforderung sein? Ich war begeistert. Wir beschlossen, eine spröde erscheinende, süddeutsch daherkommende (wo schließlich war Hegel geboren?) Angelegenheit den Hamburgern anzubieten.
»Weltbilder – Bilderwelten« lautete das Motto des gesamten dreitägigen Symposiums. Der Bense-Tag, wie er bald genannt wurde, sollte zwei Teile haben: Wörter und Bilder, zwei Zeichenklassen, die McLuhan vor Jahrzehnten gegeneinander stellte und deren gegenseitiges Auf und Ab die Zeiten prägt. Dem Vormittag gab ich das Motto »Die erträgliche Leichtigkeit der Zeichen. Semiotik und Kreativität und Computer. In Erinnerung an Max Bense«. Das sah zwar lang aus, war aber dennoch klar. Vier Vorträge wurden vor große, interessierten Publikum gehalten.
Am Nachmittag fand in der Galerie Meißner Hamburg ein Werkstattgespräch statt, dessen Anlass die Ausstellung »Algorithmus und Kunst. Die präzisen Vergnügen« war, die während der Zeit des Symposiums dort zu besichtigen war. In dieser Ausstellung waren sehr frühe (ab 1963) Computergrafiken mit neueren zusammengebracht worden, eine kleine Preziose. Eine vermutlich ziemlich einmalige Gruppe von Beitragenden war bereit gewesen, Werke zu zeigen: Kurd Alsleben, Herbert W. Franke, Wolfgang Kiwus, Manfred Mohr, Vera Molnar, Frieder Nake, Georg Nees. An dem Werkstattgespräch nahmen alle Ausstellenden außer Vera Molnar teil.
Von Anfang an war geplant, die Beiträge des Symposiums, ergänzt um einige weitere, in einem separaten Band erscheinen zu lassen. Dieser Band konnte im Grunde nur einen Ort haben: die unverwechselbare Reihe des AGIS Verlages, in der Max Bense all seine semiotischen Schriften erscheinen ließ. Dass der Verlag in einer schwierigen Zeit diesem Projekt zustimmte, erfüllte mich mit großer Freude.
Ein Sammelband wie dieser lebt von der Bereitschaft seiner Autoren und Autorinnen, ihren Aufsatz rechtzeitig abzuliefern und dann nicht ungeduldig zu werden, wenn sich trotzdem alles hinzieht. Ich bin alles sechs Beitragenden für ihren Langmut zu Dank verpflichtet, wie natürlich für das Abenteuer, sich in eine Mischung aus Philosophen, Künstlern und Informatikern hineinzubegeben.
Veronika Landau, Wiebke Oeltjen und Uwe Zimmer haben mir bei der Herstellung der Druckvorlage entscheidend geholfen, haben Literaturangaben überprüft, Korrektur gelesen und das Register angelegt. Sie haben damit den Gebrauchswert des Bandes erheblich gesteigert. Mit ihnen zusammenzuarbeiten, macht mir Spaß
Ruth, Heiner und Maren haben mich arg selten zu sehen bekommen in dieser Zeit. Sie werden vielleicht nicht verstehen können, dass ein solches Projekt dennoch aufregend ist und Freude bereitet. Zum Teil ist Diethelm Stoller an allem schuld. Hätte er er nicht gespürt, dass ich Vorhaben dieser Art liebe, so hätte ich viel Zeit für anderes gehabt. Ich will ihm seinen Einfall nicht verdenken, sondern danken.
Frieder Nake, Bremen im Juni 1993
EINLEITUNG von Frieder Nake
Erst in jüngster Zeit, seit Mitte der achtziger Jahre, erscheinen Zeitschriften-Aufsätze und erste Buchpublikationen, die sich der Gemeinsamkeiten von Semiotik und Informatik annehmen. Der umfassendste Versuch dürfte bisher Beter Bogh Andersens Aarhuser Dissertation von 1990 sein. Mit den drei klassischen Begriffen der Theoretischen Informatik setzt sich Jorge Bogarin in seiner bei Bense und Knödel eingereichten Stuttgarter Dissertation von 1989 aus semiotischer Sicht auseinander.
Natürlich spielten Zeichen und Zeichentheorie in dem Zweig der Computerkunst, der von der Stuttgarter Schule herrührte, von Anfang an, also seit Mitte der sechziger Jahre, eine zentrale Rolle (Nees 1969, Nake 1974). Und stets hat sich Mihai Nadin auch in seinen Publikationen zur Computerkunst und zum CAD auf die Semiotik gestützt. Solche Arbeiten, die sich durch eine Reihe weiterer ergänzen ließen, weisen darauf hin, dass die Zeichenthematik in Einzelbetrachtungen informatischer Natur durchaus schon länger eine Rolle spielt. Das kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Informatik insgesamt noch wenig von der Semiotik berührt wird.
Eine herausragende Ausnahme ist zu verzeichnen. Zeichen (»Symbols«) spielen eine prominente Rolle in der Physical Symbol Systems Hypothesis (Newell & Simon 1976). Sie stellt das Glaubensbekenntnis auf, dass es sich bei der maschinellen Bearbeitung von Zeichn und beim Denken um wesentlich gleichartige Prozesse handle. Oder jedenfalls, dass Computer und Gehirne Mitglieder einer wichtigen Familie von Artekfakten seien, eben der Physical Symbol Systems (Simon 1982; 26).
Die These von der essentiellen oder zumindest funktionalen Gleichheit von der maschinellen Zeichenmanipulation und menschlichem Umgang mit Zeichen hat bis heute einen großen Einfluss auf die Informatik, die Informatik-Treibenden und die kritische Betrachtung der Informatik. In Newells und Simons Version, wie in der vieler ihrer Anhänger, spielt jedoch der Begriff des Zeichens, wie ihn die Semiotik auf vielfache Weise entfaltet hat, keinerlei Rolle. Ihr Bezug auf Zeichen erschöpft sich in der Verwendung des Wortes Symbol, von dem wir auf keinen Fall annehmen dürfen, dass es die gleiche Bedeutung wie bei Peirce habe. Eher dürft zutreffen, dass Symbol bei Simon das bezeichnet, was in der Semiotik mit Zeichenträger, Mittel oder Repräsentamen gemeint ist.
Wenn die Semiotik das Phänomen des Setzens und Gebrauchs von Zeichen zum bewussten Ausgangspunkt ihres Interesses nimmt, so hat die Informatik bis vor kurzem ein naives, technisches Verhältnis zum Zeichen. Schwingt im semiotisch begriffenen Zeichen die ganze Spannung von physikalischem Mittel bis zu freier, phantastischer Assozaiation, so kommt das informatisch aufgefasste Zeichen damit aus, ein Fall aus einer endlichen Vorratsmenge eines Codierungsschemas zu sein. Ist »Zeichen« semiotisch eine komplexe, gerichtete Relation, so informatisch ein handfestes, einfaches Ding, ein Zustand.
Ist das Zeichen ontologisch eng mit dem Schein verbunden, weist es als Relation immer über sich hinaus und ist belangvoll stets nur in Verbindung mit anderen Zeichen, so zählt im Computer nur das ganz auf Repertoire-Zugehörigkeit und syntaktische Strukturiertheit zurückgeführte Zeichensubstrat. Im Zeichen wird Sein verdoppelt und so der Reflexion und der Konstruktion, dem Verstehen und dem Herstellen, zusammengenommen also dem Gestalten (Winograd & Flores 1989), zugänglich.
Habe ich oben die Computerkunst als einen Anwendungsbereich der Informatik erwähnt, in dem semiotische Theorie einen gewissen Einfluss besitzt, so ist in der Informatik im allgemeinen doch die Rede von Daten-, Informations- und Wissensverarbeitung, oft genug in munterem Wechsel und ohne geisteswissenschaftlich Abstützung solch grundlegender Begriffe. Wird der Gegenstand eines Programms und wird das Programm selbst dagegen unter die Zeichenkategorie gefasst, so lassen sich fundamentale Unklahrheiten und Verwirrungen vermeiden.
Der triadische Zeichenbegriff stößt dann nämlich sofort darauf, dass das im Computer ablaufende, insofern also »interpretierte« Programm auf zweckvolle Weise die Veränderung elektromagnetischer Felder und elektronisch gespeicherter Zustände bewirkt – das vollständige Zeichen also weitgehend negiert. Es schrumpft im Computer auf seine syntaktische Dimension zusammen, und die Programmierung erweist sich als eine hohe Kunst: Sie hat maschinell ablaufende Signalprozesse so zu organisieren, dass sie auf sinnvolle und einsichtige Weise Zeichenprozessen entsprechen, die Benutzer und Benutzerin im Sinn haben.
Der vorliegende Band befasst sich mit den Zeichen im Dreieck von Semiotik, Informatik und Ästhetik. Der Titel spielt bewusst auf den des Romans von Milan Kundera an, »Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins«. Darin heißt es, Romanfiguren kämen nicht aus dem Leben, sondern aus Sätzen und aus Gedanken über Sätze. Geschrieben aber hat der Autor das, was er erfahren hat. Das Sein ist eingeklammert zwischen Schein. »Aus Wörtern eine Welt« hieß ein Band zu Ehren von Helmut Heißenbüttel 1981. Aktuell haben wir es mit Virtual Reality zu tun, mit Computersystemen, die mehrere Sinne affizieren, indem sie andere ausschließen und die Hautoberfläche des Menschen zur Benutzeroberfläche, also zur Interaktionsschnittstelle machen. Wenn wir Virtualität als aufscheinende Möglichkeit von Wirklichkeit in vorweggenommenen Zeichensystemen begreifen, so kommen uns »Muster möglicher Welten« in den Sinn, ein Band zu Ehren von Max Bense, dessen Titel an Leibniz gemahnte.
In der Literatur und Kunst finden wir gedanklich und gestaltet all das vorbereitet, was in Computerprogrammen konstruktive Formen annimmt. Deswegen unternehmen die Autoren dieses Buches den Versuch, von verschiedenen Ausgangspunkten aus Voraussetzungen und Konsequenzen zu erörtern, die sich aus der Semiotisierung von Welt ergeben mögen. Zeichen sind flüchtiger als Gegenstände, die nur für sich selbst genommen werden. Zeichen ermöglichen deswegen Prozesse, die in Ästhetik münden. Im Computer werden Zeichen exekutierbar, sie prozessieren und werden mithin verselbständigt, gewinnen ein eigene Realität. Experiment und Simulation, die Welt des Alias, rücken in den Vordergrund des Seins. Kreativität schafft stets neues Sein und neuen Schein. Banal betrachtet hat sie stets auch eine instrumentelle Seite. Die mag vom Computer- aufgefasst als ein sehr allgemeiner Träger von Instrumentarien – gefördert oder behindert werden.
Was der Kreativität am Computer geschehen mag, welche Rolle die Zeichen dabei, im Kunstprozess und im Prozess des Programmierens spielen, solchen Fragen gehen die Autorin und die Autoren des Bandes nach. Sie spannen einen Bogen, der in der Semiotik und Philosophie einsetzt und über die Ästhetik zur Informatik führt. Auf die eine oder andere Weise sind alle drei Dimensionen in jedem der sieben Beiträge gegenwärtig. Aber jeweils eine dieser Dimensionen bildet den zentralen Bezug des einzelnen Beitrages.
Georg Nees, Norbert Bolz, Elisabeth Walther und Mihai Nadin haben in dieser Reihenfolge und unter den Titeln ihrer Aufsätze auf dem Symposium Interface 2 am 7.2.1993 vorgetragen. Ihre Aufsätze sind für diesen Band stark überarbeitet und ergänzt worden. Die Beiträge von Herbert W. Franke, Kurd Alsleben und des Autors dieser Zeilen wurden eigens für diesen Band geschrieben. Alle sieben Aufsätze stellen mithin Originalbeiträge dar.
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