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Herausgegeben und ausführlich eingeleitet von Elisabeth Walther-Bense, Stuttgart. Mit Biographie und umfangreicher Bibliographie, Literaturverzeichnis aller zu Lebzeiten und nach dem Tode veröffentlichten philosophischen Schriften sowie aller größeren unveröffentlichten philosophischen Arbeiten des amerikanischen Naturwissenschaftlers, Mathematikers und Philosophen.
Dies ist die erste deutschsprachige Ausgabe grundlegender Schriften von Charles Sanders Peirce, dem Begründer des Philosophischen Pragmatismus, sowie die Darlegung seiner Zeichentheorie in Briefen an Lady Welby.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Beate von Lüttwitz, Uta Schwinn, Marlis Gerhardt, Kathinka Hueber, Peter Sinzger, Helmut Harz, Georg Kiefer und Elisabeth Walther-Bense.
Aus einer Rundfunkbesprechung vom 13.8.1968:
Warum diese plötzliche Hinwendung zu einem amerikanischen Philosophen, der bereits im Jahre 1914 starb? Die Antwort ist, dass Peirce gewiß seiner Zeit voraus war und mit seinen logischen zeichentheoretischen Untersuchungen erst über die moderne Logik und Semantik ins Bewußtsein der philosophischen Öffentlichkeit der Gegenwart drang. Mit seiner Zeichentheorie hat er namentlich auf die Linguistik und die moderne Ästhetik gewirkt, und vorwiegend unter diesem Aspekt sind in dem Band des Agis-Verlages von der Herausgeberin Elisabeth Walther einige wichtige Aufsätze von Peirce zusammengestellt worden.
... Das ist überdies eine Wiedergutmachung der Sünden unserer philosophischen Väter, die namentlich in Deutschland so schmählich und völlig unsachgemäß und eben ohne Kenntnis der Werke des Begründers des Pragmatismus diese Philosophie als platt und naiv abgetan hatten.
Dr. Willy Hochkeppel
INHALT
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Vorwort
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7
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Einleitung I
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9
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Einleitung II
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22
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Die Festigung der Überzeugung
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42
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Wie wir Ideen klar machen
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59
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Die Lehre vom Zufall
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79
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Die Wahrscheinlichkeit der Induktion
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93
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Die Ordnung der Natur
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110
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Deduktion, Induktion und Hypothese
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127
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Über Zeichen
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143
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Biographie
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168
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Bibliographie
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Die zu seinen Lebzeiten publizierten philosophischen Schriften
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178
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Die nach seinem Tod publizierten philosophischen Schriften
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184
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Die unveröffentlichten größeren philosophischen Schriften
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186
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Literatur über Peirce
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188
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VORWORT
Als Charles Sanders Peirce am 19. April 1914 im Alter von knapp 75 Jahren starb, hinterließ er ein umfangreiches, teils gedrucktes, teils ungedrucktes philosophisches Werk. Die gedruckten Schriften waren fast ausschließlich in amerikanischen Zeitschriften publiziert worden, und ihre Wirkung beschränkte sich im wesentlichen auf eine kleine, philosophisch gut informierte Leserschaft in Amerika selbst. Erst seit 1931, als die ersten Bände der »Collected Papers of Charles Sanders Peirce« in der Harvard University Press zu erscheinen begannen (die beiden letzten Bände, 7 und 8, wurden erst 1958 publiziert), wurde es einem größeren Publikum, nicht nur in Amerika, möglich, die bereits in Zeitschriften publizierten neben den aus dem Nachlaß gedruckten Schriften zu studieren. Leider sind die umfangreichen und teuren »Collected Papers« in Deutschland noch immer schwer zugänglich, da sie nur in wenigen Bibliotheken vorhanden sind. Auch die drei einbändigen Anthologien, die in Amerika herausgegeben wurden, sind hier kaum in Bibliotheken zu finden und durch den Buchhandel nicht erhältlich.
Die Teilnehmer des Peirce-Seminars im Sommersemester 1965 an der Technischen Hochschule Stuttgart mussten deshalb ihre Arbeit auf einige fotokopierte Schriften stützen. Aber noch ein anderer Punkt kam erschwerend hinzu, nämlich die komplizierten und ungewohnten Gedankengänge von Peirce in seiner eigenwilligen amerikanischen Sprache voll zu verstehen. Aus diesen Gründen entschlossen wir uns, wenigstens einige wichtige Essays des Begründers der exakten pragmatischen Philosophie endlich ins Deutsche zu übersetzen.
Einige Seminarteilnehmer scheuten die schwierige Übersetzungsarbeit nicht, so dass nun eine Sammlung von sechs Schriften aus den Jahren 1877/78 aus »The Popular Science Monthly« deutsch vorgelegt werden kann. Wir haben uns bei der Übersetzung an den Origialtext gehalten, ohne spätere Ergänzungen und Korrekturen aufzunehmen, die Peirce 1893 vorgenommen hatte, um diese Schriften als Kernstück in ein größeres methodologisches Werk mit dem Titel »Search for a Method«, das aber nie erschien, aufzunehmen. Auch die Änderungen von 1910 sind nicht berücksichtigt worden. Die Ausführungen »Über Zeichen« aus Briefen an Lady Victoria Welby, ein Konzentrat der Peirceschen Zeichentheorie, die im 8. Band, Buch II, der Collected Papers zuerst publiziert wurden, sind angehängt worden, um auch sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Anmerkungen in den Texten, die nicht von Peirce selbst stammen, sind in Klammern gesetzt; die mit »Thomas« gekennzeichneten sind der Essay-Auswahl von Vincent Thomas, New York 1957, entnommen. Biographie, Bibliographie und Literatur über Peirce sollen das weitere Studium des Peirceschen Werkes erleichtern.
Ich möchte an dieser Stelle allen Studenten des Seminars für Ihre Mitarbeit, Beate von Lüttwitz, Uta Schwinn, Marlis Gerhardt, Kathinka Huebner, Peter Sinzger, Helmut Harz und Georg Kiefer für Ihre Übersetzungstätigkeit, Professor Dr. Max Bense für viele wichtige Anregungen und Hinweise, Dr. Maser für die Überprüfung der mathematischen und logischen Termini und Kathinka Huebner für ihre Hilfe bei der Überarbeitung und Koordinierung der einzelnen Übersetzungen und beim Korrekturlesen herzlich danken.
Stuttgart, Oktober 1965 | Elisabeth Walther-Bense
EINLEITUNG (Auszug)
Wer war Charles Sanders Peirce?
Die leidenschaftliche Liebe zur Philosophie und Wissenschaft, die Peirce bis zu seinen letzten Tagen nicht verlassen hat, obwohl er die letzten fünf Jahre seines Lebens als krebskranker, fast mittelloser, unter großen, nur durch ständige Morphiumgaben erträglichen Schmerzen leidender Mann, arbeiten musste – und er arbeitete Nächte hindurch, wie er selbst und seine Freunde berichten – diese leidenschaftliche Liebe, die er als Form des Eros bezeichnete, der für ihn das Zeichen des echten Wissenschaftlers war, muß ihn schon früh gepackt haben. So wird von ihm berichtet, daß er sich mit drei bis vier Jahren selbst Lesen und Schreiben beibrachte, daß er mit elf Jahren eine »Geschichte der Chemie« schrieb und in einem eigenen Labor mit Liebig-Flaschen experimentierte.
Sein Vater, der erste amerikanische Mathematiker, der Mitglied der »Royal Society« in London wurde, überwachte die Erziehung seiner beiden Söhne sehr gewissenhaft und lehrte sie vor allem Konzentration. Beide hatten die mathematische Begabung des Vaters geerbt, und obgleich der ältere Sohn James später in gesellschaftlichem Sinne erfolgreicher werden sollte, scheint Charles doch der genialere und immer des Vaters Liebling gewesen zu sein.
Trotz seiner Begabung und Frühreife wurde Charles S. Peirce kein Grübler, kein spekulativer Geist. Die empirische Naturforschung, die Laborarbeit, das Experimentieren waren die unerlässlichen Voraussetzungen seiner Philosophie. Ja, er betonte des öfteren seine Verachtung für die »seminary-philosophy«, die weder Gründe noch Beweise für ihre angeblichen Wahrheiten zu liefern vermag und deren Voraussetzung das »Vergnügen« und deren Methode »das Lesen eines Buches« sei, und er pries dagegen die »laboratory-philosophy«, die Philosophie von der Strenge der Naturwissenschaft, wo mehrere Forscher zusammenarbeiten, wo jede Beobachtung wiederholt wird und eine isolierte Beobachtung wenig gilt, wo jede Hypothese, die Aufmerksamkeit verdient, einer strengen, aber fairen Prüfung unterzogen wird, und nur, nachdem die Voraussagen, zu denen sie führen soll, durch Experimente bestätigt worden sind, als vertrauenswürdig, das heißt vorläufig vertrauenswürdig gilt und wo ein falscher Schritt dann selten gemacht werden kann.
Das Ziel dieser wissenschaftlichen Philosophie ist selbstverständlich das »Finden von Wahrheiten«. Jedoch wird Peirce Wahrheit und Wahrscheinlichkeit streng unterscheiden, das heißt, er ist überzeugt davon, daß es außer den apriorischen Wahrheiten, die nichts über wirkliche Tatsachen aussagen, keine Wahrheiten geben könne, die nicht zu irgendeinem Zeitpunkt modifizierbar, also nur »Wahrscheinlichkeit« wären. Eine »Wahrscheinlichkeit« besteht oder man ist von ihr so lange überzeugt, als keine echten Zweifel an ihrer Gültigkeit auftauchen. Man ist jedoch verpflichtet, die »Wahrscheinlichkeit« zu modifizieren, wenn man neue Einsichten gewonnen hat.
Für diese wissenschaftliche Philosophie, die Peirce »Pragmatismus« nannte, wurde weder die apriorische Methode des Beharrens aus Trägheit des Denkens in Erwägung gezogen, sondern allein die wissenschaftliche, oder genauer die naturwissenschaftliche Methode. Die Philosophie wird zwar von einzelnen Philosophen gemacht, aber der Einzelne ist auf die Mitarbeit der anderen angewiesen, wenn sein Denken, seine Überlegungen nicht ein privates Unternehmen bleiben sollen, die eher der Literatur als der Philosophie zuzurechnen wären. Wer nicht eingestehen kann, daß er sich geirrt hat, wer nicht zugeben kann, daß es »Fehlbarkeit«, nicht »Unfehlbarkeit« in der Philosophie gibt, der ist für Peirce kein Philosoph, sondern Dogmatiker, der nicht seine Vernunft gebraucht, sondern seine Macht ausüben will. Am liebsten hätte er seine Philosophie »Fehlbarkeits-Philosophie« genannt. »Ich möchte herausfinden, philosophische Suppenküchen gibt es Gott sei Dank an jeder Straßenecke!«, sagte er einmal.
Aus der Einleitung von Elisabeth Walther-Bense
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